Dienstag, 17. Juli 2012

Der himmlische Stromkreislauf

Damit das Licht in der Glühbirne leuchtet, der Kühlschrank kühlt oder der PC rechnen kann muß er an den elektrischen Strom angeschlossen sein.
Ohne die Kraft des Stroms läuft nichts - kein Fernseher, kein Telefon, kein Elektromotor.

Ohne die Kraft Gottes läuft in gleicher Weise nichts im Hinblick auf Gottes Werk hier auf der Erde. Jesus hat uns, seinen Nachfolgern nicht grundlos geraten ständig mit ihm verbunden zu sein und hat dafür das Bild des Weinstocks und der Reben benutzt. Wenn die Zweige des Weinstocks von ihm abgeschnitten sind, wenn sie nicht ständig von Saft und Kraft des Weinstocks und dessen Wurzel ernährt werden, können sie keine Frucht hervorbringen und verdorren.
Getrennt von mir könnt ihr nichts tun, sagte Jesus zu seinen Jüngern. Viele Christen haben diese Wahrheit für sich selbst, für die Gemeinde oder das vielfältige Werk daß Gott durch sie tun möchte erkannt und strecken sich nach dem heiligen Geist aus, den Jesus verheißen hat.
Der heilige Geist ist uns nicht nur versprochen worden - er wurde zu Pfingsten auch ein für allemal auf die Gemeinde ausgegossen.
Die Kraft des Himmels ist für alle gläubigen Nachfolger von Jesus vorhanden und frei zugänglich - als Geschenk. Es ist kostbar aber völlig kostenlos!
Wer einmal von diesem Wasser des Lebens getrunken hat möchte es nie mehr missen. Und er wird nicht satt und zufrieden davon sondern will immer mehr!
Aus diesem Grund lernte ich Lobpreislieder mit der Gitarre zu spielen und dazu zu singen. Aus diesem Grund fing ich an die Bibel zu lesen und regelmäßig zu beten. Aus diesem Grund half ich mit eine charismatische Gemeinde zu gründen, deren Schwerpunkt Lobpreis und Anbetung, Gebet und die Kraft des heiligen Geistes war.

Ich glaubte wie so viele andere, daß uns eine gewaltige Erweckung bevorstand wenn wir nur intensiv genug beten und Gott bestürmen würden seinen Geist mehr und immer mehr auszugießen. Wenn sich "die Ungläubigen" nicht bekehrten, so lag es gewiß daran, daß wir noch nicht genug von Gottes Kraft "getankt" hatten und so war meine Blickrichtung immer nach oben - zu Gott. Ich wollte mehr von seiner Kraft, mehr von seiner Autorität damit Zeichen und Wunder geschehen würden und die Welt erkennt daß Gott existiert und Jesus der Herr ist.
Und irgendwie hatte ich die Erwartung das Gott selbst dafür sorgen würde daß Menschen zur Gemeinde dazukämen.  
Er selbst würde die Menschen in unsere Gottesdienste ziehen wenn nur genügend von dieser himmlischen Energie, dem heiligen Geist, der Kraft Gottes in unserer Mitte wäre.
Die Erweckung blieb aus. Die Menschenmassen kamen nicht. Die Gemeinde wuchs zwar einige Jahre lang, aber meine Vision von einer gewaltigen Erweckung unter den nichtgläubigen, säkularen Menschen in unserer Stadt erfüllte sich nicht.
Vielleicht hatten wir das einfache, natürliche Prinzip des Stromkreislaufs vergessen?
Gestern gab es in Hannover einen schrecklichen Unfall durch Starkstrom, bei dem zwei Arbeiter verbrannten. Sie hatten eine Aluminiumleiter an ein Gebäude der Bahn gestellt um das Gebäude zu reinigen. Die hohe Leiter kippte nach hinten um und berührte die Hochspannungsleitung der Züge im Bahnhof.
Die Arbeiter hatten Kontakt mit der Leiter und der Strom floß durch sie hindurch in die Erde, weil der Stromkreislauf geschlossen war. 
Nun wollten einige Leute helfen und die Arbeiter aus der Gefahrenzone ziehen, weg von der Kraftquelle des Starkstroms. Glücklicherweise wurden sie von anderen zurückgehalten, denn sobald sie die Arbeiter berührt hätten wären sie ein Teil des Stromkreislaufes geworden und die Kraft wäre auch durch sie geflossen - mit tödlicher Wirkung.

Wenn sich Vögel auf den Hochspannungsdraht setzen passiert ihnen überhaupt nichts, weil sie zwar engen Kontakt zur Kraftquelle haben aber nicht die Erde berühren - so wird kein Kreislauf geschlossen und der Strom kann nicht fließen.
In der Analogie für uns als Christen heißt das: Wenn wir wollen, daß Menschen zum lebendigen Glauben an Gott kommen, wenn wir wollen, daß sie unsere Kraftquelle kennenlernen nützt es rein gar nichts wenn wir selbst ausschließlich einen wunderbaren und engen Kontakt zur Quelle, zu Gott haben. 
Wir können selbst die stärksten Berührungen mit Gott haben, den Himmel offen- und die Engel dahin auf- und niedersteigen sehen. Es wird sich kein Mensch Gott zuwenden, wenn wir unsere Hände und Herz ausschließlich zu Gott hin ausstrecken und die Welt dabei vergessen!
Wir müssen auch die Menschen berühren, damit der himmlische Stromkreislauf geschlossen wird und die Kraft Gottes auch für sie spürbar wird!
Dieses ganze einseitige ausgerichtet-sein auf den Himmel und die Power Gottes bringt nichts im Hinblick darauf Menschen für Jesus zu gewinnen!
Wir brauchen nicht noch mehr und immer mehr von Gottes Kraft, damit sich die Herzen der Menschen für Gott endlich öffnen. Wir müssen uns selbst diesen Menschen zuwenden und ihre Herzen berühren. Wir müssen den himmlischen Stromkreislauf schließen!

Zuwendung bedeutet erst einmal Zeit opfern. Für Freundschaft, Nachbarschaft und Verwandschaft, Arbeitskollegen oder Mitschüler. Es bedeutet ein ehrliches Interesse für seinen Nächsten und alle seine Belange zu haben. Für sein Wohlergehen, seine Verletzungen oder Krankheiten, seine Interessen, seine Weltsicht. Und zwar völlig ohne Bekehrungsabsichten! Denn das merken die Leute schnell und das macht unsere Zuwendung unglaubwürdig und unecht.
Wenn wir kein ehrliches Interesse an den Menschen haben werden wir auch ihre Herzen nicht berühren können.
Ich habe Gemeinde so erlebt, daß die ganze Kraft und Energie fast nur auf das Laufen und den Erhalt des Gemeindesystems verwendet wurde. Ich war so in Gemeindeaktivitäten verstrickt, daß ich kaum Zeit für Freundschaften innerhalb der Gemeinde hatte. Es wurden ja ständig Mitarbeiter für alle möglichen Dienste gesucht.
Dann auch noch Freundschaften und Kontakte mit Nichtchristen pflegen? Mir waren schon private Freundschaften innerhalb der Gemeinde lästig, weil ich mit Familie, Beruf und Gemeindeaufgaben mehr als ausgelastet war. Das wäre mir einfach zu viel gewesen und so blieb als Alibi nur die sogenannten Strasseneinsätze übrig, um mit der "Welt" in Kontakt zu kommen.

Eine Gemeinde die nur damit beschäftigt ist sich um sich selbst zu drehen, um ein Gebäude, die Veranstaltungen und verschiedenen Dienste um das "Gemeindeleben" aufrecht zu erhalten hat in meinen Augen kaum eine Existenzberechtigung. Und sie taugt nicht dazu andere Menschen zum Glauben an Gott zu bewegen.
Vielleicht sollten einige Gemeinden umkehren und ihre Strukturen noch einmal ganz neu überdenken. Und sie sollten Raum machen für eine Struktur die sich an den Bedürfnissen der nichtgläubigen Menschen um sie herum orientiert? Es gibt ja vielerlei Anregungungen in der christlichen Szene dazu.

Ich freue mich darüber, daß es immer noch Christen gibt die an so etwas wie "Erweckung" glauben. Aber ich bin davon überzeugt daß weder 24 Stunden unablässiges Gebet oder 24 Stunden Dauerlobpreis den erhofften "Durchbruch" bringen wird.
Es bringt keinen Durchbruch und hat keinen Effekt auf Nichtgläubige wenn wir für uns selbst die schönsten Gottesdienste feiern und die herrlichste Gegenwart Gottes in unseren Veranstaltungen haben.
Weil damit allein nicht der himmlische Stromkreislauf geschlossen wird. Die Kraft wird nicht zu den Menschen hinfließen die wir doch eigentlich erreichen wollen. Es ist wie mit den Vögeln die auf der Hochspannungsleitung sitzen. Nichts passiert - trotz engster Verbindung zur Kraftquelle!

Die alte christliche Band "Love Song" hat es in ihrem Lied "Two Hands" treffend ausgedrückt:
With one Hand reach out to Jesus - and with the other bring a friend!
(Mit der einen Hand strecke dich nach Jesus aus und mit der anderen bring einen Freund mit)




Kommentare:

Charly hat gesagt…

Starker Text - sehr gutes Bild. Danke :-)

Anonym hat gesagt…

Hallo Ralf, das stimmt: Als ich 1972 Christ wurde, wollte ich natürlich, das alle zu Jesus Christus finden. Wir lernten damals die "lovesong" kennen, sahen das Vorbild und zogen ebenfalls los, um Menschen mit dem Evangelium zu erreichen. Nach 40 Jahren hat sich da nichts geändert, Gott möchte, das alle zur Erkenntnis der Wahrheit in Jesus Christus kommen! Hoffentlich können wir noch viele Menschen erreichen.
Matthias Sesselmann

Donralfo hat gesagt…

Danke Charly und Matthias für die Kommentare! :-)

Liane hat gesagt…

sehr treffend und mal wieder sehr bildlich geschreiben, danke ralf! :-)