Donnerstag, 6. August 2026

Der Suizidversuch

Der kleine Junge ging vorsichtig in das Schlafzimmer seiner Eltern. Seine Mutter schlief heute viel länger als üblich. Er nährte sich vorsichtig dem Ehebett und ruckelte leicht an der Schulter der Mutter.

Keine Reaktion.

Seine Mutter war scheinbar sehr müde, unnatürlich müde. Eigentlich war sie ein Frühaufsteher und lag um diese Zeit längst nicht mehr im Bett. Sie lag da mit halb geöffneten Augen, ihre Pupillen waren zu kleinen schwarzen Stecknadelköpfen geschrumpft und blickten starr vor sich hin.

Er wurde langsam unruhig und war völlig ratlos.

Er bekam es mit der Angst zu tun und rüttelte an ihr, um sie zu wecken. Doch sie wurde nicht wach. Dann fiel sein Blick auf die aufgerissene Medikamentenschachtel und die leeren Tablettenstreifen auf dem Fußboden.

Behutsam zog er ein Augenlied nach oben, die Pupillen waren klein und starr, aber seine Mutter atmete anscheinend noch.

Etwas war hier anscheinend ganz und gar nicht in Ordnung. Er stürmte aus dem Zimmer und alarmierte seinen Vater. 

Bald darauf kam der Krankenwagen mit einer Trage und brachte seine Mutter ins Krankenhaus. Vater und Sohn sahen sich stumm an und wussten nicht was sie reden oder tun sollten. Eine Träne erschien im Auge des Lokführers, der sonst niemals große Emotionen zeigte und er schüttelte stumm und langsam den Kopf. Seine Körpersprache drückte völlige Ratlosigkeit aus.

Über Gefühle reden war nicht sein Ding, schließlich hieß es in seiner Kindheit: „Ein deutscher Junge weint nicht!“ Zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl sollte der junge Mann werden und dementsprechend wurden auch Kinder erzogen.

Trösten konnte der Vater den Sohn nicht – so etwas hatte er nie gelernt.

Im Gemeindehaus der Kirche lief nachmittags ein Film für die Konfirmanden. Der Junge wusste nicht ob es in dieser Situation angebracht war dort einfach hinzugehen und Spaß zu haben, wo es seiner Mutter doch so schlecht ging und ihr Leben scheinbar an einem seidenen Faden hing.

Doch sein Vater meinte es sei völlig in Ordnung sich jetzt ein bisschen abzulenken.

Der Film hieß 12 Uhr mittags und war mit Gary Cooper und Grace Kelly in den Hauptrollen. Es machte großen Eindruck auf den zwölfjährigen Jungen, wie der einsame Sheriff mit einer Handvoll Banditen fertig wurde, obwohl die ganze Stadt sich feige in ihren Häusern verkroch. 

Alle Mitstreiter hatten ihn allein gelassen und selbst seine gerade frisch angeheiratete Ehefrau war wutentbrannt mit der Kutsche davon gefahren. 

Nur er allein stellte sich mannhaft der bösartigen Übermacht.

Auf dem Rückweg summte der kleine Ralf das Titellied des Filmes vor sich hin: "do not forsake me oh my darling - sag' warum willst du von mir gehen! "

Er war gerade erstmal zwölf Jahre alt und nahm sich vor genauso tapfer und heldenhaft sein Schicksal auf sich zu nehmen wie der beeindruckende Sheriff Gary Cooper.

Aber er verstand überhaupt nicht warum seine Mutter ihn plötzlich allein lassen wollte.



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