
Was hielt Paulus eigentlich von der holden Weiblichkeit? Von Gleichberechtigung und Antidiskriminierungsgesetz hatte er noch nichts gehört. Das kann man ihm nicht vorwerfen, immerhin lebte er in einer anderen Zeit und einem anderen Kulturkreis als wir. Den Korinthern hatte er so manches mitzuteilen, auch über Mann und Frau:
Ich lobe euch aber, dass ihr in allem meiner gedenkt und die Überlieferungen, wie ich sie euch überliefert habe, festhaltet. Ich will aber, dass ihr wisst, dass der Christus das Haupt eines jeden Mannes ist, das Haupt der Frau aber der Mann, des Christus Haupt aber Gott. Jeder Mann, der betet oder weissagt und dabei etwas auf dem Haupt hat, entehrt sein Haupt. Jede Frau aber, die mit unverhülltem Haupt betet oder weissagt, entehrt ihr Haupt; denn sie ist ein und dasselbe wie die Geschorene. Denn wenn eine Frau sich nicht verhüllt, so werde ihr auch das Haar abgeschnitten; wenn es aber für eine Frau schändlich ist, dass ihr das Haar abgeschnitten oder geschoren wird, so soll sie sich verhüllen.
Denn der Mann freilich soll sich das Haupt nicht verhüllen, da er Gottes Bild und Abglanz ist; die Frau aber ist des Mannes Abglanz. Denn der Mann ist nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann; denn der Mann wurde auch nicht um der Frau willen geschaffen, sondern die Frau um des Mannes willen. Darum soll die Frau eine Macht (das heißt ein Zeichen der Macht, unter der sie steht) auf dem Haupt haben um der Engel willen. (1. Korinther 11, 2,10)
Schon mit dem Gedanken, dass »der Mann das Haupt der Frau« sei, gehen unsere Probleme mit diesem Abschnitt aus dem ersten Brief an die Korinther los. Dass Christus das Haupt des Mannes (und der Frau) ist, dürfte unter Gläubigen keinerlei Widerspruch auslösen, aber wo bleibt die Gleichwertigkeit der Geschlechter bei dem, was Paulus hier schreibt?
Er meint ja, dass die Reihenfolge der Schöpfung eine Rangfolge bedingt, denn er erklärt, dass die Frau als Abbild des Mannes geschaffen wurde, der Mann jedoch sei Gottes Abbild. Stimmt das so?
In 1. Mose 1, 27 lesen wir: »Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.« Beide. Mann und Frau. Jedenfalls ich würde das so verstehen.
Den detaillierten Bericht, wie Adam zu seiner Eva kam, finden wir in 1. Mose 2 ab Vers 21. Dort steht: »…und Gott, der HERR, baute die Rippe, die er von dem Menschen genommen hatte, zu einer Frau, und er brachte sie zum Menschen. Da sagte der Mensch: Diese endlich ist Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch; diese soll Männin heißen, denn vom Mann ist sie genommen. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhängen, und sie werden zu einem Fleisch werden.« Das Wort »Männin« im Hebräischen ist das gleiche Wort wie für »Frau«. Es wird lediglich die weibliche Endung an das Wort für »Mann« angefügt.
Wenn Mann und Frau also nach dem Bilde Gottes geschaffen sind und Mann und Frau zu einem Fleisch verschmelzen beziehungsweise aus dem einen Fleisch geschaffen wurden, dann haben wir es hier mit einer Meinung des Paulus zu tun, die nicht unbedingt von uns zu teilen sein muss. Ich meine sogar, dass er sich beim Zitieren des Alten Testamentes beziehungsweise seinem Bezug auf die Schriften vertan hat.
Auch die Frage der Kopfbedeckung beim Gebet und Weissagen sehe ich eher unter der Kategorie »unanstößig, sowohl für Juden als auch für Griechen als auch für die Gemeinde Gottes« – im gesellschaftlichen Umfeld der Korinther.
Ich trage gerne Hut, beim Betreten einer Kirche nehme ich diesen jedoch vom Kopf, auch wenn ich nur zur Besichtigung und nicht zum Beten und Weissagen dort eintrete. Es schickt sich eben nicht, dass ein Mann mit Hut in einem sakralen Raum verweilt, wenngleich dies vielen Menschen heutzutage nicht mehr bekannt oder wichtig ist, denn so mancher männliche Tourist behält seine Baseball-Kappe auf. Vielleicht bin ich ja auch nur altmodisch, was das betrifft. Beim Betreten einer Synagoge wiederum wäre es unschicklich, nichts auf dem Kopf zu tragen.
In meiner Jugend war ich in einer ländlichen Gemeinde zu Hause, in der die Frauen stets ein Kopftuch in der Handtasche mit sich führten, das sie zum Gebet im Gottesdienst anlegten. Die Predigt verfolgten sie mit unverhülltem Kopf. Als sich dann mehr und mehr Hippies bekehrten, verschwand dieser Brauch relativ zügig, denn die Mädchen hatten alles Mögliche bei sich, aber keine Kopftücher. Ich erinnere mich allerdings, dass es diesbezüglich einer Ältestensitzung bedurfte, die dann mehrheitlich entschied, dass die weiblichen Gottesdienstbesucher auch mit unverhüllter Haarpracht beten durften. Ach waren manche Mädchenhaare prächtig! Mit Blümchen und Perlen geschmückt, wilde Mähnen und ... - ach nein, ich schweife ab.
Dass geschnittenes oder geschorenes Haar bei einer Frau ein Zeichen der Ächtung und Schande ist, kann man heute und hier nicht mehr nachvollziehen, wie so manche Gepflogenheiten und Vorschriften aus dem Alten Testament. Mir scheint, dass Paulus diese Sätze hauptsächlich deshalb an die Gemeinde in Korinth gerichtet hat, damit sie bei den Juden – in ihrem gesellschaftlichen Umfeld – keinen Anstoß erregte. Wer sich heute und hier dementsprechen kleiden würde, steht eher in der Gefahr, genau den gegenteiligen Effekt zu erzielen. Beispielsweise die Amish in den USA, die ich wegen ihrer Ernsthaftigkeit im Glauben hoch schätze, werden von zahlreichen Touristen und Einheimischen als exotische Lebewesen fotografiert, angestarrt und belächelt, aber sicher nicht ernst genommen.
Ich meine, dass es Paulus gerade darum geht, dass solches Amüsement über Gläubige in Korinth nicht stattfindet. Seine nächsten Worte jedenfalls relativieren das zuvor Geschriebene in gutes Stück weit:
Dennoch ist im Herrn weder die Frau ohne den Mann, noch der Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann ist, so ist auch der Mann durch die Frau; alles aber von Gott.
Urteilt bei euch selbst: Ist es anständig, dass eine Frau unverhüllt zu Gott betet? Und lehrt euch nicht selbst die Natur, dass, wenn ein Mann langes Haar hat, es eine Schande für ihn ist, wenn aber eine Frau langes Haar hat, es eine Ehre für sie ist? Denn das Haar ist ihr anstatt eines Schleiers gegeben.
Wenn es aber jemand für gut hält, streitsüchtig zu sein, so soll er wissen: wir haben eine derartige Gewohnheit nicht, auch nicht die Gemeinden Gottes. (1. Korinther 11, 11-16)
Nun gut. In diesem Punkt, lieber Paulus, zähle ich mich zu denen, die es »für gut halten, streitsüchtig zu sein.« Unsere gesellschaftlichen Konventionen sind andere, ob das nun gut oder neutral oder schlecht ist, sei dahingestellt.